Ich bin „default public“
Es ist ein Thema, welches in letzter Zeit öfter angeschlagen wird – und es ist ein Wichtiges. Die Diskussion über die Privatsphäre.
Dabei existieren zwei Lager. Oft werden diese in die „Jungen“ (häufig gleichzusetzen mit „den Ahnungslosen“, den Unbekümmerten, den Gedankenlosen) und die „Alten“ (die Erfahrenen, diejenigen mit der Übersicht und dem Blick fürs Wichtige und Große & Ganze) geteilt. Das ist natürlich Humbug.
Entscheidend ist vielmehr, welche persönlichen Erfahrungen und Beweggründe für das Eine oder Andere vorliegen. Es bleibt unbestritten, dass sicherlich die Mehrheit der Nutzer in sozialen Netzwerken (allen voran selbstredend Facebook) jüngeren Jahrgangs sind und vor allem unvorsichtig und gedankenlos mit den Inhalten, die dort durch sie und ihre Freunde hochgeladen und der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.
Dass alle der Jungen stumpf ihre Bilder hochladen ohne zu Reflektieren ist genauso wahr, wie das Menschen über 50 nur Zeitung lesen und kein Internet kennen. Aber es gibt leider immer wieder Bespiele für die Unvorsichtigen, die Unbedarften. So unter anderem dieses:
Weitläufig berichtet wurde von einer jungen Frau, die einen Job bei einem Unternehmen begonnen hat und ihren Chef als Freund auf Facebook hinzugefügt hat. Nach wenigen Monaten hat sie sich in Beiträgen auf Facebook über ihren Chef beschwert, ihn so dargestellt, als wenn er sie anmachen würde und belästigen. Weiterhin beleidigte sie ihn persönlich.
Daraufhin wurde sie selbstverständlich gekündigt, von ihrem, im Übrigen schwulen, Chef.
Dumm gelaufen…
Dies soll nur ein Beispiel sein, zugegeben ein sehr Gutes. Es gibt sicherlich weitere zahlreiche Fälle dieser Art. Man denke nur an die Fotos von betrunkenen Partygängern, die dort erscheinen.
Leider gibt es bei Facebook keine Möglichkeit einmal hochgeladene Inhalte wieder komplett zu löschen. Facebook behält es sich auf Grund seiner AGB vor, alle Inhalte auf ihren Servern zu belassen, selbst wenn man sie ausdrücklich entfernen möchte. Auch das eigene Nutzerkonto kann nicht endgültig gelöscht werden, sondern lediglich auf „inaktiv“ geschaltet werden.
Facebook und weitere ähnliche soziale Netze sind das eine Thema. Ein anderes ist und bleibt Google. Ich nutze Google für meine E-Mails, meine Kontaktverwaltung und als Kalender. Bereits hier schreien Manche auf, ist Google doch eine riesige Datenkrake, die sämtliche Inhalte und bald sowieso das gesamte Internet kontrollieren wird.
Das mag sogar eventuell stimmen. Fakt ist, dass mir Google mehr Vorteile bringt als Nachteile. Ich möchte mal ein paar davon aufzählen:
- es ist kostenlos
- ich habe sämtliche Kontakte und E-Mails die ich jemals über mein Google Konto geschrieben habe, weltweit verfügbar
- ein Datenverlust ist mit 99% Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen (auch dadurch bedingt, dass ich die Daten selbst noch einmal gespeichert habe, inkl. Backup)
- ich kann sämtliche weiteren Dienste von Google nutzen, für die ein Konto notwendig ist
- meine E-Mail Adresse kann ich im Internet veröffentlichen, ohne Angst vor Spam haben zu müssen, denn Google Spam Filter sind die besten der Welt. Seit ich das Konto habe, ist keine einzige Spamnachricht zu mir durchgedrungen und lediglich eine Nachricht, die kein Spam war, wurde falsch deklariert
- ich leite auch meine anderen E-Mailkonten an meine Google Adresse weiter, so dass der Spamschutz auch für diese Adressen gilt – perfekt. :)
Ich bezahle für diese Dienste mit meiner offensichtlichen Privatsphäre. Google scannt automatisiert alle meine E-Mails und blendet Werbung an der Seite der Benutzeroberfläche ein, die Kontext- und Inhaltsbezogen ist. Man kann sie auch relevant nennen. Ich weiß zwar nicht, wann ich schon mal diese Werbung genutzt habe und darauf geklickt habe. Ich glaube fast, dass das noch nie der Fall war. Das mache ich allerdings sowieso nur bei den wenigsten Werbeeinblendungen. Und die meisten, die man so den lieben langen Tag erhält, sind noch nicht einmal relevant oder interessant, sondern einfach nur nervig. Da kann man Googles Ansatz durchaus als besser betrachten. Muss man aber sicherlich nicht.
Bisher überwiegen für mich klar die Vorteile.
Google hat über die Jahre ein umfassendes Bild von mir als Internetnutzer und sicherlich auch als Mensch gewonnen. Es bestünde die Möglichkeit, diese Daten zu verkaufen. Die Frage steht ihm Raum, wem diese Daten nützen und was damit anzufangen wäre. Man kann damit persönlich angepasste Werbung schalten. Das wird ja bereits gemacht. Also soweit nichts Neues. Unsere Regierung hat bessere und andere Mittel um an meine Daten zu kommen. Die fallen also auch aus. Die oft beschrieenen Terroristen interessieren sich nicht für unsere Daten. Was sollen die denn damit?
Wer weiß, wen die Daten interessieren und wer sie kaufen möchte, meldet sich bitte. Wir finden sicherlich einen Deal.
Um mal auf den Punkt zu kommen:
Ich entscheide, welche Daten von mir im Netz erscheinen.
Ich entscheide, wer meine Daten zu sehen bekommt.
Ich haben ein gutes Gefühl dabei, mich anderen Menschen mitzuteilen.
Ich profitiere davon, dass ich mich im Netz bewege.
Ich habe mittlerweile wirklich wunderbare Menschen kennen gelernt, die ich nicht mehr missen möchte. Und das einfach und allein durch das Internet und meine Mitteilungsbedürftigkeit (schönes Wort). Weiterhin habe ich Geld durch das Internet verdient und plane es auch in Zukunft zu tun.
Dass ich nicht der Einzige bin, der sich mit dieser und ähnlichen Fragen beschäftigt bestätigt mir wieder einmal Kai Müller, von spylespion.de. Auch er wird gefragt, warum er so viel von sich ins Netz stellt. Er sieht noch einen weiteren, wesentliche Ansatz diese Fragen zu beantworten:
Ich bin der Meinung, dass die Zeit der “Scheine” zu Ende geht. “Scheine” steht hierbei stellvertrend für alles, was einen Stempel bekommt. Ihr wisst schon, Abi-Zeugnis, Diplom, Ausbildungsschein, Zusatzqualifikation XY an der Abendschule, usw. Ich fand es schon immer etwas albern, dass Menschen Dingen die auf einem Stück Papier stehen, mehr Glauben schenken, als Dingen, die sie wirklich sehen können. Referenzen.
Was haben die Menschen, die auf default private stehen, und möglichst anonym im Netz bleiben möchten, was ich nicht habe? Bewahren sie ihre Privatsphäre mehr als ich? Eventuell. Aber auch bei mir weiß niemand, der es nicht wissen soll, Sachen die er nicht wissen soll.
Wo ist also mein Nachteil?